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Urbanes Wohnen von morgen / Resumée der ArchitekturZeit 2018

Der Glockenturm wird zum Treppenhaus. Acht neue Wohnungen werden über einen Laubengang erschlossen, der von außen mit dem gleichen Kupfer verkleidet wird wie das Kirchendach. Das sind die Pläne zum Wohnen in der ehemaligen Athanasiuskirche in Hannovers Südstadt. Mit der Projektpräsentation durch den Hausherrn waren die Gäste des Symposiums „VERWOHNT – Perspektiven für die Stadt“ mitten im Thema, saßen sie doch im ehemaligen Sakralraum, der demnächst in Wohnungen umgewandelt werden soll. Der Bund Deutscher Architekten BDA Landesverband Niedersachsen hatte Publizisten, Soziologen, Stadtplaner, Architekten und eine Fotografin eingeladen, um eigene Perspektiven vom „Urbanen Wohnen von morgen“ vorzustellen. In seinem Grußwort griff der Landesvorsitzende Matthias Rüger das Thema auf und berichtete vom neuen Bündnis für bezahlbares Wohnen in Niedersachsen, in dem auch der BDA mitwirkt.

Der Stadt- und Regionalsoziologe, Prof. Dr. Carsten Keller, vom Institut für urbane Entwicklungen an der Universität Kassel stellte das Projekt UrbanNews vor, bei dem er mit Studierenden die Stadt Kassel unter die Lupe genommen hat. Das Spektrum der Analysen reichte vom Blick auf die Verteilung der Migranten im Stadtraum über den Bewohnermix in der Innenstadt bis zum Blick auf Wohnquartiere, wo sich am wenigsten verändert. Auch das Wahlverhalten der Kasseler Bürger bei der Bundestagswahl 2017 war ein Thema. Die Studierenden haben die Ergebnisse anschaulich als Zeitschrift veröffentlicht, die man sich auch auf der Institutsseite als PDF hier herunterladen kann.

„Urbs + Civitas – Gebautes + Gesellschaftliches“ folgte als Thema von Daniel Luchterhandt. Der Stadtplaner aus Hamburg entwickelt Räume, gestaltet Mitwirkung und steuert Verfahren zur Stadtentwicklung. Ein Beispiel ist die Baugemeinschaft „Halbinsulaner“ im letzten Bauabschnitt der Hafencity, in den so genannten „CreativeBlocks“ am Baakenhafen. Die Halbinsulaner, zu denen Luchterhandt selbst zählt, planen 27 Wohnparteien und 11 Bürogemeinschaften aus dem kreativen Bereich. „Hier wird eine enge Verzahnung von Wohnen + Arbeiten, von „Familie + Arbeiten“ und von Nachbarschaft entstehen“, schilderte Luchterhandt begeistert. „Schon im Bewerbungsverfahren für das Grundstück war die Mischung im Block vorgegeben.“ Der Stadtplaner stellte weitere Projekte vor, vom Masterplan für den neuen Stadtteil Oberbillwerder bei Bergedorf bis zu den „Freunden des Lohseparks“. Hier engagieren sich Anwohner und Bürger in einem Verein für den „Central Park“ der Hafencity, indem sie Verantwortung für den Park übernehmen, ihn pflegen, und Aktionen für die Nachbarschaft im Park organisieren – vom Speed-Dating für Nachbarn bis zur Apfel-Ernte mit Apfelsaft-Verkauf.

Von Van Bo Le-Mentzel kann man sagen: Er ist bekannt durch Film und Fernsehen. Prompt startete er seinen Beitrag mit einem Fernsehbericht über sein „100 Euro-Haus“, das er in Berlin als Prototyp errichtet hat und in dem mehrere Testbewohner über einen Zeitraum von 2 Jahren gelebt haben. „Wem steht die Stadt zu? Wer darf da rein?“, fragt der Berliner Architekt und Designer. Mit dem 100 Euro-Konzept habe er das Co-Living zum Co-Being-Haus weiterentwickelt. Ziel sei es, das Menschen für 100 Euro ein Zimmer in einer Art großer Wohngemeinschaft mieten können, das die wesentlichen Bedürfnisse wie Kochen, Essen und Schlafen auf eigenem, wenn auch kleinem, Raum bedient. Zusätzlich stehen den Bewohnern Räume für die Gemeinschaft in einem zentralen Bereich zur Verfügung. Van Bo: „Dafür haben wir den Flur abgeschafft.“

In München ist in nur 365 Tagen vom Entwurf bis zum Einzug der ersten Bewohner ein Wohnprojekt entstanden, das Tobias Pretscher aus dem Büro Florian Nagler Architekten vorstellte. Zusammen mit dem städtischen Wohnungsunternehmen GEWOFAG habe man sich 2015 überlegt, als die Flüchtlingswelle anschwoll, wie und wo man schnell und kostengünstig Wohnraum schaffen könne. So entstand die Idee, einen Parkplatz am Dantebad zu überbauen, ohne viele Stellplätze im Erdgeschoss zu verlieren (vorher: 111, heute: 107). Die Errichtung der Hybridkonstruktion aus Ortbeton im Erdgeschoss und dem darüberliegenden viergeschossigen Holzbau hat nur vier Monate gedauert.

Vom Konstruieren ging es zum Fotografieren. Die Hamburger Fotografin Lena Wöhler beschäftigt sich seit vier Jahren mit dem Thema „Obdachlosigkeit“. Durch Zufall sei sie dazu gekommen. Als sie das morgendliche Sonnenstreiflicht an einer Brücke fotografieren wollte, habe sie plötzlich Geräusche gehört. Unter der Brücke hatte ein Obdachloser seine „Platte“. Daraus ist eine Serie entstanden, die sie „Brückenbewohner“ nennt. Weitere folgten wie „Stadtschläfer“ und „Winternotprogramm 48 Stunden“. Die Bilder sprachen für sich. Und Lena Wöhler sprach sehr persönlich. Ihr Appell an die Planer lautete, auch einmal über Wohnformen für Obdachlose nachzudenken.

Matthew Griffin von deadline Architects aus Berlin stellte anschließend das Berliner Projekt FRIZZ23 vor, das die Planer seit sieben Jahren begleiten und das im August fertig wird. Ähnlich wie bei den Hamburger „Halbinsulanern“ handelt es sich um eine Baugemeinschaft, die erstmals kulturelles Gewerbe und urbanes Wohnen umsetzt. Anschaulich schilderte Griffin den Prozess von der Entwicklung des Konzepts („Erst der Dialog, dann das Design“) über die Probleme beim Erwerb des Grundstücks („Beim Zuschlag war der Bauherr weg.“) bis zur baulichen Umsetzung („Einteilig, dreiteilig, kleinteilig“). Ein zentrales Anliegen Matthew Griffins ist die Bodenpoltitik. Er plädiert für behutsame Vergabeverfahren und dafür, die Teilhabe für künftige Generationen zu ermöglichen.

Christian Schüle schließlich kommt aus einer ganz anderen Disziplin. Der Autor und Publizist aus Hamburg sprach über das Thema „Heimat“. In seinem Buch „Heimat – Ein Phantomschmerz“ stellt er Fragen wie „Was ist Heimat?“ und „Wenn das Fremde kommt, was ist eigentlich das Eigene?“ Er kommt zu dem Schluss, dass Heimat eigentlich ein Zufall sei. Der Zufall bestimme den Ort, wo ein Mensch geboren werde. Heimat entstehe durch ein Ur-Vertrauen, z.B. durch ein Gefühl ausgelöst beim Anblick einer Landschaft, durch Klänge, durch Geräusche. Familie kommt aus dem Lateinischen und bedeute, die zum Haus Gehörenden (familia). In einer Hausordnung übernehme jeder Verantwortung. Eine Stadtgemeinschaft, die civitas, bedeute Teilhabe und Teilnahme. Am Beispiel der Stadt Istanbul und ihrer lebhaften Vergangenheit schilderte Schüle, wie bestimmte Milieus in bestimmten Straßen vorherrschten und das als offene, dynamische Gesellschaften. „Warum können wir nicht von „Heimaten“ im Plural sprechen?“ fragte er. Christian Schüles Fazit lautete: Wir sollten im Fremden das Eigene erkennen.

Auch wenn die Reihen der Zuhörer sich nach den Vorträgen schon gelichtet hatten, gelang es der Moderatorin Tanja Schulz, in einer sehr lebendigen Podiumsdiskussion, zusammen mit den Referenten den Tag noch einmal Revue passieren zu lassen. Der BDA Landesvorsitzende Matthias Rüger dankte allen Beteiligten für die begeisternden Beiträge und schloss mit einem Blick ins Publikum: „Die, die heute nicht da waren, haben etwas verpasst.“  Susanne Kreykenbohm

 

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