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Im Gespräch … mit Prof. Helmut C. Schulitz

Das Gespräch führten Susanne Kreykenbohm und Helmut Schulitz u.a. anlässlich seines jüngsten Buches, das im Frühjahr in englischer Sprache erschienen ist und seine Haltung vom Bauen und Entwerfen manifestiert.

S.K.: Du bist in Bublitz/Pommern geboren, hast aber durch die Kriegswirren an verschieden Orten gelebt und bist achtmal umgeschult worden, bis Deine Eltern sich schließlich in Hamburg niederließen. Nach dem Abitur und der Maurerlehre in Hamburg hast Du in München studiert, den Regierungsbaumeister gemacht und hattest gerade Dein eigenes Büro in München gestartet, als Du dann aus Gründen, auf die wir noch zurückkommen, für zwei Jahre nach Los Angeles gingst, aus denen 16 werden sollten. Du hast dort an der University of California Entwurfsstudios gemeinsam unter anderen mit Richard Rogers und Frank O. Gehry geleitet, deren Entwurfsansätze hätten nicht unterschiedlicher sein können. Du bist zu dem Schluss gekommen, dass diese unterschiedlichen Ansätze einerseits die Potenziale der Moderne aufzeigen, andererseits aber auch den Verfall der Moderne.
Warum das so ist, hast Du stets in der Lehre vertreten und publiziert, zuletzt in Deinem neuen Buch „The Turning Point in Architectural Design – A Historical Scenario for the Future“. Warum Du zu dieser Erkenntnis gelangt bist, zeigt dieses Gespräch.

Zunächst einmal die Frage: warum bist Du überhaupt Architekt geworden?

Schon zu meiner Schulzeit war Malen und Gestalten mir wichtiger als alle anderen Fächer.
Mir war daher klar, einen künstlerischen Beruf zu wählen. Da schon früh ein Plakat von mir an Hamburger Litfaßsäulen zu sehen war, lag es nahe, Gebrauchsgrafik zu studieren, denn von ‚l’art pour l’art‘ hielt ich wenig. Doch mein Vater war nicht zu überzeugen, dass ich einmal als Gebrauchsgrafiker eine Familie ernähren könnte. Architektur war meine zweite, aber rückblickend auch gute Wahl.

S.K.: Warum hast Du Dich zu einer Maurerlehre entschlossen und hat Dir die Lehre etwas gebracht?

Ja sehr viel! Ich hatte das Glück, dass, als ich das 2. Lehrjahr begann, mein Vater in Hamburg‘s Norden direkt an der Alster ein Grundstück erworben hatte, das er mit einer Villa bebauen wollte. Ich wurde dafür von der Baufirma freigestellt, und machte nun als Entwerfer, Maurer und Bauleiter eine erste unmittelbare Erfahrung, wie wichtig die Einheit von Entwerfen und Bauen ist. Es zeigte mir, dass Baukunst etwas anderes ist, als Grafikkunst. Diese sehr frühe Erkenntnis bestimmt mein Berufsleben bis heute. Ich wusste damals aber noch nichts von Adolf Loos und seiner Kritik, die Baukunst sei durch die Architekten zu einer grafischen Kunst verkommen. Die Bedeutung dieser Kritik wurde mir später besonders bewusst mit der Veränderung des Entwerfens durch CAD.

S.K.: Warum bist Du nicht zum Studium im Norden in Braunschweig oder Hannover geblieben, sondern nach München gegangen?

Ich bin schon zu meiner Schulzeit durch alle Länder Europas getrampt. Ich wollte immer Neues erleben. Bayern und München waren damals für mich neu und anders.

S.K.: Wer hat Dich im Architekturstudium am meisten geprägt?

Den stärksten Einfluss übte Prof. Gustav Hassenpflug aus, der noch am Bauhaus unter Lazlo Moholy-Nagy, Josef Albers, Mart Stam und Hannes Meyer studiert hatte und nach dem Ende des Bauhauses mit Marcel Breuer in Berlin arbeitete. Ich machte die meisten Entwürfe an seinem Lehrstuhl und arbeitete sehr bald in seinem Büro und mit seinen Assistenten an mehreren Wettbewerben erfolgreich zusammen. In der Zeit, in der ich meine Diplom-Arbeit machte, baten mich die Assistenten, mit ihnen einen Wettbewerb für ein Krankenhaus zu machen, den wir auch tatsächlich gewannen und bauten. Meine Diplomarbeit hatte ich nebenbei auch noch gemacht, um mit ihnen in das frisch gegründete Büro einzusteigen. So konnte ich neben der Arbeit am Krankenhausprojekt, auch weitere Wettbewerbe bearbeiten.

S.K.: Warum bist Du nicht in dem Büro geblieben?

Da ich vorhatte, einmal ein eigenes Büro zu führen, entschied ich mich, die zweite Staatsprüfung zu machen, die auch einer der Partner schon hatte, und die sich bei Aufträgen der öffentlichen Hand als sinnvoll erweisen sollte.

S.K.: Bestanden Schwierigkeiten, Dein Büro zu starten?

Ja, vier Jahre nach meinem Diplom, 1965/66 hatte ich meinen ersten Auftrag bis zur Baueingabe geplant und eingereicht. Doch München hatte den Zuschlag für die Olympischen Spiele bekommen, und da mein Projekt an der Hauptzufahrtsstraße zum Olympiagelände lag, fiel mein Bauantrag unter eine städtebauliche Veränderungssperre, die für die Zeit von zwei Jahren festgelegt worden war.

S.K.: Der Zuschlag für die Olympischen Spiele war also der Anlass, Deine beruflichen Pläne entscheidend zu verändern.

Ja, ich wollte die zwei Jahre sinnvoll überbrücken und bewarb mich um ein Stipendium für ein Städtebau-Master-Studium direkt an der University of California Los Angeles. Das „Regent Fellowships“ der Universität beeindruckte den DAAD, der daraufhin noch ein Reisestipendium aufsattelte.

S.K.: Welche Erfahrungen hast Du an der University of California gemacht?

Der Chairman des Urban Design Program war von meinem Arbeitsportfolio so überzeugt, dass er mir zusätzlich eine Stelle in seinem Büro anbot. Ich konnte so an zwei Stadterneuerungs-Projekten im Osten der USA mitarbeiten. Es war für mich völlig unerwartet, dass ich mit einem anderen Studenten zu Bestandsaufnahmen in den Osten fliegen musste und wir von unserem Auftraggeber Winthrop Rockefeller persönlich zu Projektbesprechungen auf seiner privaten Ranch empfangen wurden.

S.K.: Das war Teil der praktischen Tätigkeit, was hat Dir das Studium selbst gegeben?

Das Studium selbst war vielseitig und wurde durch John Voelcker bereichert, der als Mitglied des Team 10 deren Denkansätze vertrat, die das Ende der CIAM herbeigeführt hatten. Auch Fumihiko Maki’s „collective form“ spielte eine wichtige Rolle. Den Gegenpol bildete Denise Scott-Brown mit Ihrem Seminar „Form, Forces, Function“, das auch Entwicklungen wie Las Vegas verständlich machte. Ich setzte mich auch mit den Theorien ihres späteren Mannes Robert Venturi und seinem Buch Complexity and Contradiction in Architecture auseinander. Es bestand ein enges Verhältnis zu beiden, schließlich wurde ich sogar zu ihrer Hochzeit eingeladen.

S.K.: Nach den 2 Jahren kehrtest Du aber nach München zurück.

Ja. Aber in München erfuhr ich, dass wegen der noch immer ungeklärten Olympiazufahrt, die Veränderungssperre um weitere zwei Jahre verlängert wurde. Ich hatte aber gleichzeitig eine Einladung für eine Gastprofessur zurück an die UCLA erhalten, die ich annahm.

S.K.: Warum gingst Du nach der Gastprofessur nicht zurück?

Nach dem sehr erfolgreichen Entwurfsstudio bot man mir eine permanente Lehrtätigkeit an, die ich zunächst einmal annahm, da die Veränderungssperre in München zwei weitere Jahre galt. Aus der Lehrtätigkeit wurde jedoch eine ,Full-Professur‘, die mich schließlich für 13 Jahre in Los Angeles hielt, Es war eine extrem lebendige und informative Zeit. Als neue ‚Graduate School‘ verfügte die Architekturabteilung über genügend finanzielle Mittel, um das ‚who-is-who’ der Moderne einzuladen. So kam ich mit den Gastprofessoren wie Yona Friedman, Norman Foster, Richard Rogers, Arata Izosaki, Peter Cook, Ron Herron, Charles Moore, Frank O. Gehry und Vortragenden wie z. B. Cedric Price, Charles Eames und Buckminster Fuller und Historikern wie Reyner Banham und Charles Jencks zusammen.

S.K.: Wie kamst Du in Kontakt mit diesen Leuten – nur beim Kaffee und in Fachbereichssitzungen?

Nein. Die Architekturfakultät verfolgte Kontinuität in der Ausbildung und machte es daher zur Regel, dass Entwurfsseminare immer von jeweils einem Gast- und einem ortsansässigen Professor gemeinsam geleitet werden. Da ich inzwischen zu den Ortsansässigen gehörte, hatte ich die Aufgabe mit so unterschiedlichen Architekten wie Peter Cook, Yona Friedman, Richard Rogers und Frank O. Gehry Entwurfsstudios zu leiten. Die Einstellung zum Entwerfen dieser Architekten konnte nicht unterschiedlicher sein. Vieles von dem ,was ich in diesen Jahren erfahren hatte, half mir, das eingangs erwähnte Buch ‚The Turning Point of Architectural Design, A Historical Scenario for the Future‘ zu schreiben.

S.K.: Hatte das auch einen Einfluss auf Deine Lehrtätigkeit, und wie siehst Du die Aufgabe des Architekten?

Die Entwurfsansätze einiger Kollegen, die von Beginn an von den Studierenden Bilder als Einstieg in den Entwurfsprozess erwarteten, schienen mir wenig hilfreich, denn sie machten sehr schnell deutlich, dass Kreativität etwas anderes ist, als ein vorgefasstes Bild vorzuschlagen und weiter zu entwickeln. Für mich war Kreativität immer die Fähigkeit, gleichzeitig alle Randbedingungen einer Bauaufgabe zu erkennen, zu analysieren und die Abhängigkeiten zu bewerten, um erst dann eine Entwurfsidee zu entwickeln, die sich aus diesen Bedingungen ergibt.

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Foto: Schulitz Architekten
Schulitz House Beverly Hills

S.K.: Das ist aber in einem Entwurfsseminar an der Uni schwer zu vermitteln, oder?

Das ist richtig. Ich hatte deshalb mit gleichgesinnten Kollegen ein Architektur- und Städtebaubüro, quasi als Praxisarm der Universität gegründet, in Anlehnung an die Medizin-Fakultät, damit die Studierenden nicht nur im elfenbeinernen Turm des Entwurfsstudios Entwerfen lernen, sondern im direkten Kontakt mit realen Problemen. Es ging um ein direktes Zusammenwirken mit anderen Fakultäten der Universität, mit Ingenieuren, Gebäudetechnikern und auch Baufirmen. Wir arbeiteten an komplexen Stadterneuerungsprojekten wie El Centro und wählten den anspruchsvollen Namen: „UIG, Urban Innovations Group“ für unser Büro.

 

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Fotos: Schulitz Architektenn
Beim Projekt El Centro in Kalifornien, das am UIG entstanden ist, konnten die Bewohner bereits mitbestimmen.

S.K.: Du hattest auch ein eigenes Büro in Los Angeles?

Ja, das hatte ich aber erst, als auch neue Kollegen, wie Charles Moore, mit postmodernen Entwurfsansätzen im UIG zu praktizieren begannen, weil sie meinten, es sei ja der ‚Praxisarm des Fachbereichs‘. Im UIG war Moore’s erstes Projekt die Piazza d‘ Italia in New Orleans. Ich fand, dass solche Projekte mit ‚urban innovation‘, dem Namen unseres Büros nichts zu tun hatten und setzte mich, wie auch andere Mitbegründer des UIG ab, und gründete mein eigenes Büro.

 

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Foto: Schulitz Architekten
Charles Moore, UIG: Plaza d’Italia

S.K.: Warum bist Du nicht in Los Angeles geblieben?

Ich würde sicherlich auch heute noch in Los Angeles leben und praktizieren, wenn ich nicht eine Einladung von der TU Braunschweig erhalten hätte, und es meine Frau nicht nach 16 Jahren USA nach Deutschland zurückgezogen hätte. Doch auch nach meiner Rückkehr nach Deutschland und der Eröffnung meines Büros in Braunschweig, habe ich an der Haltung, die zur UIG Gründung geführt hatte, festgehalten, was auch wichtig und notwendig war, vor allem bei größeren Projekten, wie der DATEV-Zentrale in Nürnberg, dem Niedersachsen Stadion in Hannover für die WM 2006 und dem Stadion in Salvador/Bahia für die WM 2014 in Brasilien.

 

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Fotos: Schulitz Architektenn
Datev-Zentrale in Nürnberg

 

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Fotos: Schulitz Architekten
WM-Stadien in Hannover und Salvador da Bahia

S.K.: Du bist dem Ruf nach Braunschweig gefolgt, wo Du als Nachfolger von Prof. Henn den Lehrstuhl für Baukonstruktion und Industriebau von 1982-2001 innehattest. Dein Büro hat neben den bereits erwähnten Bauten auch Bauten zur EXPO 2000 und technische Bauwerke wie die Panoramaaufzüge zur Festung Königstein, auf den Burgberg Meißen und den Petersberg der jetzigen Bundesgartenschau in Erfurt realisiert. Dein Credo war immer, Lösungen zu suchen, die einen Bezug zum Ort haben, materialminimiert konstruiert und funktional effizient sind, d.h. die die Potenziale der Moderne nutzen.

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Fotos: Schulitz Architekten
Skywalk entstanden zur EXPO 2000 in Hannover

 

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Foto: Schulitz Architekten
Panoramaaufzug auf den Petersberg zur BUGA 2021 in Erfurt

S.K.: Was meinst Du, verbindet die Moderne mit der Geschichte, was sind für Dich historische Sternstunden der Architektur?

Mich beeindruckt immer wieder, wie man schon im Mittelalter mit sehr beschränkten Mitteln so überzeugende Bauten, wie die der Gotik schaffen konnte. Die Kathedralen wurden zu einer Zeit gebaut, als man, für uns unvorstellbar, dreidimensionale Räume nicht einmal zeichnen, aber dennoch bauen konnte, weil damals noch ein enger Kontakt zwischen Entwerfen und Bauen bestand. Sie sind das Gegenteil zu Bauten vieler heutiger Stararchitekten, die nur als Bild vorgeschlagen werden, aber trotz ihrer Widersprüche zu funktionalen, konstruktiven und städtebaulichen Anforderungen, sich nur von Spezialisten mit unangemessenem materiellen, technischen und finanziellen Aufwand realisieren lassen.

 

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Foto: Schulitz Architekten
Gotische Kathedrale Beauvais

S.K.: Das klingt zunächst wie eine sehr negative Kritik an einigen Stars. Was sind denn für Dich Sternstunden der Moderne?

Die negative Kritik kommt nicht von ungefähr, denn Sternstunden müssen nicht nur alle für die Leistung des Gebäudes erforderlichen Kriterien erfüllen, sondern auch ästhetisch ansprechen und nicht nur durch unlogische Gestaltung Erstaunen auslösen, wie die sinnentleerten potemkinschen Wände und funktionslosen Fassaden des Pritzker Preisträgers Frank O. Gehry. Im Kontrast dazu erinnere ich mich immer gern an meinen Besuch der Weltausstellung in Montreal 1967, auf der mich der deutsche Pavillon von Rolf Gutbrod und Frei Otto begeisterte, der mir deutlich werden ließ, dass hier eine völlig neue Haltung im Entwerfen bestand. Ein Bau, der schon im Hinblick auf Funktion, Konstruktion und Bauablauf entworfen, in Deutschland produziert und anschließend über den Atlantik verschifft, und in den Wintermonaten auf einem aufgeschütteten Gelände des Sankt-Lorenz-Stroms in Montreal aufgebaut wurde.

 

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Fotos: Schulitz Architekten
Frank O. Gehry: Center for Brain Health – mit Raum hinter nutzloser Fassade (r.)

 

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Foto: Schulitz Architekten
Frei Otto, Rolf Gutbrod: Deutscher Pavillon auf der EXPO 1967 in Montreal

S.K.: Unter vielen heutigen Bauikonen gibt es selten welche, für die der Kontext eine Rolle spielt – wie der jüngste Gehry-Tower im südfranzösischem Arles zeigt, der gerade durch die Presse geht. Oder kannst Du ein Beispiel nennen?

Ein Beispiel solcher Ikonen ist die Sidney Oper. Sie war im Wettbewerb das einzige von 232 Projekten, das die spektakuläre Situation zur Stadt und zum Wasser begriffen hatte. Beide Häuser wurden nicht, wie bei anderen Teilnehmern, um einen städtischen Platz gruppiert, sondern nebeneinander auf einem erhöhten Sockelgeschoss nur mit den Zugängen zur Stadt, die Foyers und Aufenthaltsräume aber zum Wasser gerichtet. Die Terrassen und segelförmigen Dachstrukturen formen einen solch starken Gesamteindruck, dass das Projekt, symbolisch gesehen, sogar ganz Australien zu einem modernen Kontinent hat werden lassen. Dagegen konnten selbst politische Intrigen und Programmänderungen nichts ausrichten. Schade, dass der Architekt von seinem Projekt Abschied nehmen musste.

 

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Foto: Schulitz Architekten
Jørn Utzon: Oper in Sidney 1957-70

S.K.: Als langjähriger Hochschullehrer hast Du viele Studierende erlebt, was würdest Du heute Architektur-Studierenden mit auf den Weg geben?

Eine Haltung. die besagt, dass Architektur Baukunst und keine Grafikkunst ist. Sich nicht von der digitalen Zeichentechnik verführen zu lassen, und nicht selektiv zu entwerfen, um nur Spektakuläres zu realisieren, sondern ganzheitlich, den digitalen Möglichkeiten entsprechend, alle notwendigen Informationen für die Formfindung zu nutzen, um sowohl ästhetisch wie auch leistungsstark zu bauen.

S.K.: Auf dem BDA-Tag in Halle hat der BDA seine Position für eine klimagerechte Architektur mit dem Titel das „Haus der Erde“ verabschiedet.
Welche Aufgabe siehst Du für die Architekten für die Zukunft?

Die Klimarettung ist ein Traum, den heute alle träumen, doch zu Abstrichen in den technischen Errungenschaften ist niemand bereit. Selbst der Traum des Weltraumtourismus lebt weiter. Nachhaltigkeit verkommt zu einer Worthülse, die sowohl die Politik wie die Industrie nutzt, um eigene Vorteile zu sichern. Bei Architekten scheint es heute Mode zu werden, nur vordergründig nachhaltige Materialien wie Holz und Lehm als Universalbaustoffe zu deklarieren. Hochhäuser ausschließlich in Holz bauen zu wollen, statt Holz sinnvoll im Verbund mit anderen Materialien einzusetzen, dient nur der heute gängigen Sucht nach Rekorden. Auch ein Schiff aus Lehm zu bauen wäre ein Rekord für Guinness. Doch es geht heute vor allem um einen Wendepunkt im Entwerfen, und nicht mehr um Spektakuläres und Rekorde. Nachhaltiger ist vielmehr, Baustoffe jeweils ihrer Leistung entsprechend zu wählen und zu minimieren. Die Interessen der Material-Lobby sind dagegen, möglichst große Mengen zu verbauen. Als wir mehrmals den Holzbaupreis Norddeutschland gewannen, war jedesmal die Kritik der Vertreter der Holzindustrie, unsere Bauweise sei zu filigran und materialminimiert, für größere Spannweiten Holz mit Stahl zu unterspannen, setze ein falsches Signal. Ich meine, es wäre im Hinblick auf die kappen Ressourcen schon ein wichtiger erster Schritt, sich frei von Ideologien an die Ziele der Moderne zu erinnern, um mit weniger mehr zu erreichen.

 

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Foto: Friedhelm Thomas
Wohnhaus in Lehre 1989 – Holz kombiniert mit Stahl

S.K.: Vielen Dank für das ausführliche Gespräch und alles Gute weiterhin!

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