Harald Kloft, Foto: Katja Ahad

vorgestellt und nachgefragt 4 – Prof. Kloft

Gespräch mit Harald Kloft, Professor für Tragwerksplanung an der TU Braunschweig
von Katja Ahad

 

Nicht immer fühlen wir Architekten uns von den Tragwerksplanern verstanden. Sie wurden hier an der TU Braunschweig 2011 an den Fachbereich Architektur als Professor für Tragwerksentwurf berufen. Daher vermute ich, Sie sind ein „Architekten-Versteher“?

 

Wenn Sie das so sagen, ja, dann mag da etwas dran sein. Ich habe schon in meinem Studium an der TH Darmstadt ab dem 5. Semester als Tutor an dem Lehrstuhl Statik der Hochbaukonstruktion bei Prof. Walther Mann Architekturstudenten unterrichtet und war damals auch schon mit Entwurfskorrekturen betraut. Für mich war das einfach ein Prozess: Über viele Jahre sich in die Sprache und in die Denkweise der Architektur hinein zu begeben, war etwas, was mich schon sehr früh fasziniert hat. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich Architektur studieren wollte, aber die Architektur war mir immer ein Anliegen bis heute. Letztlich geht es um das Ganze, es geht um gute Architektur, so ist mein Verständnis vom Bauen. Ich verstehe meine Tätigkeit als entwerfender Ingenieur auch so, dass ich die Architektur unterstützen will. Und immer braucht es dazu ein „gutes Tragwerk“. Ein „gutes Tragwerk“ bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass dieses sichtbar oder gar ausgefallen sein muss. Manchmal braucht es nämlich gerade die Zurückhaltung: Ich stelle mir einen weißen Raum vor, der eine große Deckenspannweite hat und hier muss das Tragwerk im Hintergrund bleiben. Es ist nicht von primärem Interesse , wie das Tragwerk funktioniert, aber ein solches Tragwerk zu planen, ist trotzdem eine anspruchsvolle Aufgabe für uns Ingenieure.

 

Ich habe zahlreiche Veröffentlichungen von und mit Ihnen gefunden. Können Sie uns die Bedeutung von Forschung aus Ihrer Sicht erläutern und vielleicht ein paar „Hot Topics“ nennen, von denen wir in Zukunft etwas erwarten dürfen?

 

Ja, auch da kann man wieder bei den Anfängen beginnen: Ich habe mich nicht nur sehr früh für die Architektur interessiert, sondern bin auch mit dem Bauen groß geworden. Seit meinem 13. Lebensjahr war ich in den Schulferien immer auf Baustellen und habe noch kennengelernt, wie Maurer und Putzer-Kolonnen dort ihr Handwerk versehen haben. Meine Aufgabe war dann oftmals die des „Handlangers“: Ich musste die Steine holen, aufsetzen, den Mörtel anmischen und alles zu den Maurern bringen. Da bekommt man den Respekt für die Handarbeit auf der Baustelle und die Zusammenhänge der Gewerke. Dieser „antiquierte“ Bauprozess hat mich später immer wieder in der Forschung interessiert. In den Neunzigerjahren, als ich promovierte, war das Kreislaufwirtschaftsgesetz ein großes Thema und auch das Recycling. Da ist mir klar geworden, dass es über unsere Gebäude überhaupt keine hinreichenden Informationen gab, um “kreislaufgerecht“ zu bauen: Was passiert nach der Nutzungsdauer eines Bauwerks? Kann man das Gebäude weiternutzen? Und wie lange? Oder muss es abgerissen werden und mit welchen Materialien habe ich zu rechnen, kann ich diese recyceln und was muss man davon deponieren?

Ich habe deshalb für meine Promotion als Thema gesucht, Wohnungsbauten verschiedenen Baualters und unterschiedlicher konstruktiver Bauart exemplarisch zu untersuchen: Welche Materialzusammensetzungen haben diese? Welche Massen von welchem Material liegen getrennt nach den konstruktiven Bauteilen vor? Wenn man ein Gebäude derart in seinen konstruktiven Bestandteile und Materialien aufgeschlüsselt hat, kann man diese Bestandteile dann auch energetisch quantifizieren, indem man die graue Energie aufsummiert, die in einem Baustoff, einem Bauteil oder einem Material steckt. Bei den Auswertungen kamen sehr interessante Erkenntnisse heraus, zum Beispiel dass die Tragkonstruktionen mit ca. 80 % den relevanten Anteil an der Masse der untersuchten Wohnungsbauten stellen und sich die Anteile der grauen Energie äquivalent verhalten. Wenn man sich das vor Augen hält, bekommt man einen anderen Zugang zu unserer gebauten Umwelt – nämlich dass diese einen hohen primärenergetischen Wert darstellt und Tragwerke von Bestandsbauten lange erhalten werden sollten. Das hat mich in der darauf folgenden Forschung lange begleitet. Ende der Neunzigerjahre ging es dann in der Gesellschaft im Zuge der „New Economy“ plötzlich um ganz andere Themen und ich hatte das Glück in die Planung von aufkommenden Freiformarchitekturen hinein zu kommen, mit denen ich zu Beginn nichts anfangen konnte. Durch die Fokussierung auf die neuen architektonischen Formen habe ich auch lange den Link zwischen dem Thema Kreislaufwirtschaft und den Möglichkeiten der digitalen Planung und Fertigung nicht gesehen. Das sind jetzt Chancen, die mit BIM (Building Information Modeling) zusammengeführt werden können und auch mich aktuell umtreiben. Nach wie vor gilt beim Bauen die ökonomische Regel, dass der Materialeinsatz keine Rolle spielt und die Arbeitszeit der kostentreibende Faktor ist. Wenn man aber im Sinne der Nachhaltigkeit langfristig denkt, muss man einfach Material sparen. Leichtbau ist hier ein wichtiger Aspekt, aber wir können nicht nur leicht bauen, wir müssen auch schwer bauen. Wir brauchen in unseren Breitengraden wegen der Bauphysik auch die Masse. Und dann spielen intelligente Werkstoffe und -kombinationen, neuartige Fügetechniken und leistungsfähige, kraftflussoptimierte Bauteile eine große Rolle. Früher war das Material kostentreibend und man hat kraftflussoptimiert geplant und handwerklich intelligent gefügt. Das ist heute wirtschaftlich nicht darstellbar und auch die planerischen und handwerklichen Fähigkeiten sind uns mittlerweile abhandengekommen. Aber die digitale Technologie – besonders die Digitalisierung der Fertigung – kann uns das wieder zurückbringen. Das heißt, die digitale Kette ist die Chance, dass wir wieder mehr Intelligenz in das Bauen an sich und vor allem in den Bauprozess hineinbringen.

 

Sie haben 2002 das Büro osd – office for structural design mitgegründet. Mich würde nun interessieren, welches Bauwerk Sie gerne als Beispiel nennen, welches eine besonders gelungene Zusammenarbeit zwischen Architektur und Tragwerk darstellt?

Das ist insofern schwierig, weil wir – und ich denke, das zeichnet unser Büro aus – mit dieser Haltung und dem Verständnis von Tragwerksplanung in der Lage sind, uns auf sehr viele Architekturen und deren Entwerferinnen und Entwerfer einzustellen. Ich sage „wir“, weil ich meinen Partner Klaus Fäth damit einschließe. Aus meiner Erfahrung sehe ich oft, dass Architektinnen und Architekten durchaus eine Stilrichtung haben. Also wenn wir beispielsweise mit Christoph Mäckler ein Projekt machen, dann ist das eine andere Architektur, als wenn wir mit Volker Staab planen. Mit beiden arbeiten wir zusammen und wenn wir uns nicht in die Architektur ein denken könnten, dann weiß ich nicht, wie wir ein angemessenes Tragwerk planen sollen. Ich denke die Stärke von osd ist die, dass wir uns in verschiedene Architekturen einfühlen können. Wir arbeiten mit der Haltung, dass wir für jedes Projekt das beste Tragwerk entwerfen wollen und diese Haltung ist unabhängig von einer architektonischen Stilfrage. Vielleicht haben Christoph Mäckler und Volker Staab unterschiedliche Meinungen darüber, was gute Architektur ist. Für uns als Tragwerksplaner ist wichtig, dass beide ein gestalterisches Anliegen haben und überzeugt sind, dass sie die beste architektonische Lösung gefunden haben – dafür sind sie Architekten. Als entwerfender Ingenieur will ich die Architektur bestmöglich unterstützen. In dem Zusammenhang ist es natürlich schön, dass wir 2014 mit osd den Balthasar-Neumann-Preis verliehen bekamen für das Landesarchiv NRW in Duisburg gemeinsam mit den Architekten Ortner & Ortner und Arup Haustechnik. Denn der Preis wird explizit für die gute Zusammenarbeit zwischen Architekten und Ingenieuren ausgelobt. Mit Ortner & Ortner und auch vielen anderen Architekturbüros machen wir immer wieder die Erfahrung, dass unsere Mitwirkung gerade im Entwurfsprozess geschätzt wird und das ist auch das, was wir suchen und uns als Ingenieurbüro motiviert und antreibt.

 

osd – office for structural design ist ein national wie international tätiges Ingenieurbüro in den Bereichen Tragwerksplanung, Fassadenplanung und Bauphysik. osd sitzt in Frankfurt am Main und wurde 2002 von Klaus Fäth, Sigurdur Gunnarsson und Harald Kloft gegründet.

Harald Kloft ist seit 2011 Professor für Tragwerksentwurf an der TU Braunschweig.

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